
Mit voller Kraft voraus: Was einmal als Werbe-Gag am Dehler-Firmengebäude gedacht war, wird zum Sinnbild einer fest gefahrenen Situation
Freienohl. Auf dem Werksgeländer der Dehler Deutschland GmbH stehen noch 14 unfertige Segelyachten. Ob sie noch zu Ende gebaut werden, ist ungewiss.
Am Montagabend hatte die Belegschaft mit Unterstützung der IG Metall Insolvenzantrag wegen mangelnder Liquidität gestellt. Am Dienstagnachmittag ging auch noch ein Insolvenzantrag des Geschäftsführers und Gesellschafters Weilan van den Berg beim Amtsgericht Arnsberg ein – wegen Überschuldung. Von dem Insolvenzantrag ihres Geschäftsführers erfuhren die Angestellten gestern im Rahmen einer Belegschaftsversammlung.
Mittlerweile ist Axel Kampmann als vorläufiger Insolvenzverwalter im Betrieb. Er kennt die Firma genau. Vor zehn Jahren war er im Team des Insolvenzverwalters Salmen für den Bereich Arbeitsrecht bei Dehler verantwortlich.
Seit der letzten Pleite ist bei Dehler viel passiert. Der Umsatz schnellte unter Führung von Wilan van den Berg nach oben. Für das Jahr 2007 war die Marke von 30 Millionen Euro angepeilt, rund 140 Yachten wurden fertig gestellt. »Aber das ging alles viel zu schnell«, sagt der Betriebsratsvorsitzende Stefan Odoj.
»Der Vertrieb hat die Produktion dominiert«, so Odoj. In der Folge wurden Segelyachten wie die »Dehler 44″ schon massenhaft verkauft, bevor die Entwicklung abgeschlossen und die Produktionskosten beziffert waren. Zwar seien im Bootsbau Abschlagszahlungen der Kunden vor Lieferung üblich, aber die hätten bald nicht mehr ausgereicht, um die Produktion zu finanzieren. Vor allem die vielen Aufträge aus skandinavischen Ländern hätten aufgrund anderer Steuergesetze auch andere Kaufverträge erfordert. »Jetzt sind die Modelle serienreif und wir können nicht produzieren.« Falls kein neuer Investor gefunden werde, fürchtet Odoj, werden sich ab Mitte Januar die Geier bei der Verwertung des Betriebsvermögens an Bootsformen und Modellplänen bedienen. Dann sei schließlich alles billiger zu haben.
Der finanzielle Dauerstress habe sich auch beim Personal gezeigt. »Van den Berg hat in vier Jahren vier Betriebsleiter und vier kaufmännische Leiter verschlissen«, sagt Odoj. Im Pressegespräch nach der gestrigen Belegschaftsversammlung wiederholten Betriebsrat und Gewerkschaft ihre Vorwürfe gegen den Geschäftsführer Wilan van den Berg. Er habe die Firma in ein viel zu schnelles Wachstum getrieben.
Diesem Vorwurf widerspricht van den Berg entschieden. »Im Nachhinein ist es einfach, das schnelle Wachstum der Firma als einzigen Grund für die Insolvenz hinzustellen.« Es sei aber nur einer von mehreren Gründen gewesen. Er selbst sei immer von der Firma und ihren Booten überzeugt gewesen, und die große Nachfrage habe ihm Recht gegeben. »Alles, was ich habe, habe ich in die Firma gesteckt.« Letztendlich hätten aber auch die millionenschweren Finanzspritzen der Gesellschafter nicht ausgereicht, so dass nur noch eine Landesbürgschaft hätte helfen können. Doch zu viel Zeit sei verloren gegangen, weil die Firma für die Gewährung der Bürgschaft erst noch verschiedene Auflagen erfüllen musste. »Wir haben im ganzen November nicht produziert«, sagt van den Berg. »Dadurch hat sich die Lage der Firma in dieser Zeit dramatisch verschlechtert.
Damit über die bevorstehenden langen Wochenenden durch »natürlichen Schwund« nicht auch noch der Warenbestand verschlechtert, werden die »Funktionsstörungen« an den Werkstoren erst einmal nicht behoben. Schon einmal haben die Mitarbeiter verhindert, das Lieferanten oder Kunden Teile vom Hof holen.
Die Mitarbeiter haben seit dem 15. Oktober kein Geld mehr gesehen. Vielen Kollegen, so Stefan Odoj, Vorsitzender des Betriebsrates, gehe nun auch das Geld für die Miete aus. Die IG Metall hat bereits mit dem Hochsauerlandkreis gesprochen: Dort wartet man nun auf die Hartz-IV-Anträge der Dehler-Mitarbeiter.
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