
Heringhausen. Das Messer sieht aus wie ein kleines Schwert. Es wird auch genauso gehandhabt. Statt aber Gliedmaßen damit abzutrennen, schlägt Wilhelm Becker-Gödde damit seine Weihnachtsbäume in Form.
Denn von der idealen Form eines Weihnachtsbaums haben die Kunden ganz genaue Vorstellungen: dicht und gleichmäßig gewachsen, die Spitze nicht zu lang und nicht zu kurz. Zwei Spitzen geht gar nicht.
Weil Bäume grundsätzlich eigene Ansichten über ihre ideale Form haben, muss Wilhelm Becker-Gödde das ganze Jahr lang an Weihnachten denken – und nachhelfen. Immer wieder saust das Zuschnittmesser an den Bäumchen entlang, trennt fröhlich sprießendes mit sachlicher Präzision.
Jetzt im Juli ist die Zeit der Klinge. Vorwitzige Triebe fallen ebenso wie überzählige Spitzen, denn schließlich soll jeder Baum nur eine haben. Und die soll auch nicht zu lang sein. Versucht sie es, gebietet ihr der Weihnachtsbaumproduzent mit gezielten Schnitten in den Stamm Einhalt.
Diese Arbeit können auch Vögel erledigen, sollen sie aber nicht. An den längsten Bäumen hat Becker-Gödde im Frühjahr kleine Stangen angebracht, damit sich Vögel nicht auf den frischen Spitzen niederlassen und sie abbrechen.
Die Klinge bekommt auch zu spüren, was zwischen den Bäumen wächst. Ein Teil lässt sich mit Herbiziden im Zaum halten. Ein anderer Teil, wie die Sauerdisteln, beugt nur vor der Sense sein Haupt.
Könnten Schafe das nicht besser erledigen? »Da sind die Meinungen geteilt«, sagt Becker-Gödde, dessen Meinung fest steht. »Schafe fressen auch nicht alles. Und wenn ein Baum Läuse hat und die Schafe daran vorbei streichen, transportieren sie die Läuse gleichmäßig durch den ganzen Bestand.« Dann müsste noch mehr gespritzt werden. Außerdem brauchen Schafe einen Schäfer und den müsste Becker-Gödde auch bezahlen.
Tiere gibt es auf Becker-Göddes Hof schon seit Jahren nicht mehr – von zwei Hunden und einem alten Pferd einmal abgesehen. Mitten im Dorf gelegen hätte die Schweinezucht nur eine Zukunft gehabt, wenn man sie ausgesiedelt hätte. Aber das schlimmer werdende Asthma des Vaters machte die Tierhaltung ohnehin unmöglich. Seit Mitte der 1990er Jahre produziert der Hof auf 120 Hektar deshalb nur noch Holz. Auf der einen Hälfte steht Hochwald, auf der anderen wachsen Weihnachtsbäume.
»Das Fach ›Weihnachtsbaum‹ kommt in der land- und forstwirtschaftlichen Ausbildung nicht vor«, sagt Becker-Gödde. Weil die Zukunft des Familienbetriebes aber nun mal im Festtagsgrün lag, hat er Gartenbau gelernt.
Wie viele Bäume da in Becker-Göddes großem Garten wachsen weiß er nicht. Nur wie viele er jedes Jahr zur Trocknung in festtägliche Wohnzimmer schickt – ungefähr jedenfalls: »Das sind einige zehntausend pro Jahr.«
Nicht alle schlagreifen Bäume werden im November auf Lastwagen verladen. Viele Kunden möchten sich ihren Baum selbst aus der Plantage holen – wegen des Event-Charakters. Es sind immer mehr Firmen, die ihren Kunden und Mitarbeitern einen Weihnachtsbaum zum Selberschlagen schenken. »Am Lagerplatz«, sagt Becker-Gödde, »gibt es dann Erbsensuppe, Bier und Glühwein.« Mit Bussen reisen sie dann nach Heringhausen, stapfen durch den Wald und suchen den Baum, dem jahrelange Pflege genau die richtige Form gegeben hat.
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