
Meschede. Weihnachten ist überstanden und die Frisur sitzt immer noch. Zweimal im Jahr ist die Qualitätsarbeit von Frisörmeisterin Anita Senger besonders gefragt, denn bei ihr gibt es noch die Dauerwelle wie sie sich gehört.
In der Herrenabteilung haben die Waschbecken noch Aussparungen für Rasierseife und –pinsel. »Das gibt es heute gar nicht mehr«, sagt Anita Senger – immer wieder.
Denn im ältesten Frisörsalon der Stadt gibt es noch viel mehr, das es gar nicht mehr gibt. Der Umgang mit dem Rasiermesser ist nicht mehr im Ausbildungsplan der Frisöre, die handgelegte Wasserwelle auch nicht. Dafür müssen angehende Haarkünstler nun jedem Kunden eine 15-minütige Typberatung geben können. »Was glauben sie wohl, wie schwer das für viele Lehrlinge ist.«
Eine Typberatung brauchen die Kundinnen von Anita Senger nicht. Sie wissen, was sie wollen, seit Jahrzehnten.
»Eine frische Dauerwelle gehört einfach zu Weihnachten«, sagt Senger. Vierzehn Tage vor dem Fest geht es los: Dann kommt die Weihnachtswelle ins Rollen.
Deshalb ist auch Heiligabend immer ab sieben Uhr morgens geöffnet. Eine ähnlich hohe Nachfrage gibt es sonst nur noch vor Fronleichnam. »Selbst wenn sie nicht mehr mitgehen, wollen sie doch wenigstens schön aussehen, wenn sie am Straßenaltärchen auf die Prozession warten.« Früher musste das vor Silvester noch einmal sein, wegen des Silvesterballs. »Aber die Kundinnen werden älter und die Bälle gibt es nicht mehr.«
Eigentlich öffnet Senger ihr Geschäft erst um halb neun. Eigentlich. »Aber das kann ich gar nicht machen, denn dann müsste ich die ersten Kundinnen eine Stunde in der Kälte stehen lassen.« Jede will mit ihrer Dauerwelle möglichst die Erste sein. Sechs bis acht Dauerwellen sind in der Hochsaison pro Tag zu machen. »Früher haben uns abends oft die Hände geblutet«. Heute sind Handschuhe Pflicht.
Zweieinhalb bis drei Stunden dauert so ein Meisterwerk der alten Schule. »Für viele«, sagt Senger, »ist es eine Qual, so lange zu sitzen, aber was sein muss, muss sein.« Und wenn die Welle erst einmal drin ist, sollte man auch das Waschen den Profis überlassen. Wer heute über 80 ist, ist ohnehin nicht daran gewöhnt, das jeden Tag zu machen. Jeden Abend hundert Striche mit der Bürste und dann einmal mit dem Staubkamm: so machte man das früher. »Haarewaschen gab es nur mit einer neuen Dauerwelle – zwei Mal im Jahr.«
Und dann hat der Gang zum Frisör ja auch noch einen informativen Nebeneffekt: »Mensch, was habe ich dich lange nicht gesehen. Wie geht es deinem Mann?« »Mein Mann ist seit zwei Jahren tot.« »Was, dein Mann ist tot?!« Hochzeiten, Todesfälle und alle anderen »Gesellschaftsnachrichten«: Schon deswegen muss es einfach Dauerwelle sein.
Geht der täglich gleiche Klatsch nicht manchmal auf die Nerven? »Komischerweise nicht«, sagt Senger. »Aber das ist vielleicht auch eine Gabe vom lieben Gott. Das ist wie eine Schallplatte, die man immer wieder hört.« So hat jeder Beruf seinen eigenen Soundtrack.
Als Senger den Salon 1985 von Josef Schmülling übernahm, übernahm sie nicht nur die Kunden, sondern auch die Einrichtung. Die ist im wesentlichen unverändert geblieben, der Service auch: Spitzen nachschneiden oder die erste Wäsche nach der frischen Färbung gehören zum Service und kosten praktisch nichts. Termine gibt es nicht, dafür aber die telefonische Auskunft, ob Bekannte schon dort sitzen, denen man lieber nicht begegnen möchte.
»Aber die Kundinnen werden weniger«, weiß Senger, die auch in den Altersheimen der Stadt bedient. »In zehn Jahren will wohl niemand mehr eine Dauerwelle haben.« Und dann? »Dann gehe ich auch in den Ruhestand.«
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