Meschede. Die kleine Wohnung ist ganz neu eingerichtet, der Fernseher läuft, Frank Glanert hat Besuch. »Am Anfang war es schwer, aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt, alleine zu sein«, sagt der 33-Jährige. Seit gut zwei Monaten wohnt er nicht mehr im Marcel-Callo-Haus.
Seit elf Jahren arbeitet der geistig behinderte Mann in der Gärtnerei der Caritas in Arnsberg. Ebenso lange hat er im Mescheder Marcel-Callo-Haus gewohnt; fünf Jahre im Heim selbst, dann sechs Jahre lang in einer Außenwohngruppe.
Nun ist er auf 45 Quadratmetern sein eigener Herr. Er kauft sein Essen selbst, kocht, putzt, wäscht. Betreut wird er weiterhin: Fünf Stunden pro Woche, je nach Bedarf. »Er kann natürlich weiterhin alle Freizeitangebote des Marcel-Callo-Hauses nutzen«, erklärt Glanerts Betreuer Stefan Köhler. Glanert singt in der Band des Hauses und geht mit seinen Freunden Kegeln.
Für das selbstständige Leben in der eigenen Wohnung hat sich Glanert selbst entschieden. Zur Zeit nutzen noch eine Frau und ein Paar aus dem Heim diese Möglichkeit. Im Laufe des kommenden Jahres wird noch ein weiteres Paar in die eigenen vier Wände ziehen. Und es sollen noch mehr werden – nicht nur in Meschede.
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), Träger der Behindertenhilfe, will die ambulante Betreuung ausbauen. »Das Ziel ist, 60 Prozent der Behinderten stationär und 40 Prozent ambulant zu betreuen«, sagt Thomas Balzer, der das ambulant betreute Wohnen beim LWL verwaltet. Vor allem Neuzugänge sollen nicht mehr automatisch im Heim landen, sondern zu Hause betreut werden. »Dabei«, so Balzer, »kann der Umfang der Betreuung durchaus die Grenze der Kosten der stationären Betreuung erreichen.«
Aber eben nur die Grenze. Ein Wohnheimplatz kostet durchschnittlich 80 Euro pro Tag, betreutes Wohnen nur 30 Euro. Frank Glanert bezieht außer seinem Arbeitslohn von der Caritas auch Grundsicherung von der Gemeinde. Die bezahlt auch die Miete für seine 45-Quadratmeter-Wohnung. Was der LWL einspart, bezahlen so die Gemeinden. Dort ist die Freude über das neue Modell begrenzt.
Das Pflegepersonal sieht härteren Arbeitsbedingungen entgegen: Wenn die leichten Fälle ausziehen oder gar nicht mehr kommen, bleibt den Heimen nur noch die Verwahrung der schweren Fälle. Der mobile Einsatz in der ambulanten Betreuung war bereits Gegenstand der zurückliegenden Tarifverhandlungen.
Frank Glanert freut sich über die gewonnene Selbstständigkeit. Sein Weg dorthin verlief schrittweise über viele Jahre. Nun könnte er als Hausherr seinen Betreuer theoretisch auch rauswerfen. »Ich glaube, das würde ich nie tun«, meint er. »Das hätte ich auch gar nicht nötig.«
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