Reiten ist mehr als ein verpatztes Turnier

Reiten ist mehr als ein verpatztes Turnier

Enste. Große Pferde, kleine Pferde, lange Reihen von Pferdetransportern und überall Mädchen, die den Wettbewerben mehr oder weniger angespannt entgegensehen. Jungs genießen beim Zucht-, Reit- und Fahrverein Calle Meschede schon fast Minderheitenschutz.

Dressur, Springen und Kombination standen am Wochenende auf dem Programm des großen Reitturniers, das der Verein alle zwei Jahre ausrichtet. Rund 500 Starts waren angemeldet, Pferde und Reiter kamen aus ganz Westfalen, manche auch aus dem Rheinland. Eingeteilt in Leistungsklassen waren die Wettbewerbe offen für Reiter(innen) ab fünf Jahren.

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Man will zeigen, was man gelernt hat. Hanna Wollmeiner aus Beringhausen ist elf Jahre alt und reitet seit sie vier ist. »Ich weiß nicht, woher unsere Kinder das haben«, sagt Hannas Mutter Brigitte Wollmeiner. »Seit sie laufen können sind sie ganz verrückt nach Pferden.« Auch Hannas siebenjährige Schwester reitet schon, wenn auch an der langen Leine. Mutter Wollmeiner teilt diese Leidenschaft nicht: »Es ist schon eine Überwindung für mich, dass ich überhaupt hier zwischen den Pferden herum laufe.« Man weiß ja nie, was so einem Tier gerade in den Sinn kommt.

Sollte man aber – jedenfalls wenn man darauf sitzt. Wie gut man das weiß, zeigen die Prüfungen. Hanna hat kein eigenes Pferd, sondern geht mit dem Schulpferd Agino in die erste Prüfung. »Agino ist ein alter Turnier-Hase«, sagt ZRFV-Geschäftsführer Bernd Büngener. Na also, dann müsste Tier ja wissen, was zu tun ist. Eine Runde im Trab durch die Halle, Wechsel in den Schritt, einmal quer und zu Schluss über drei kleine Hindernisse springen. Das ist die Caprilli-Prüfung für junge Reiter. Claudia Berlinghoff und Otto Gockel achten als Richter genau auf jedes Detail. »Nummer zwei hält die Hände ein bisschen verdeckt und sitzt ein etwas angespannt im Sattel.« Das ist eine 6,3. Hanna ist enttäuscht, Agino ist eben manchmal ein bisschen zickig. Macht nichts. Es ist noch kein großer Reiter vom Himmel gefallen, aber jeder schon mal vom Pferd. »Wenn sie herunter gefallen war, schrie sie immer sofort ›Ich steige wieder auf’«, erinnert sich Brigitte Wollmeiner. Hanna macht weiter.

Ihr nächster Wettbewerb ist das Springen. Jetzt sitzt Hanna auf Nisee, einem Pony, das einen sehr viel handlicheren Eindruck macht als der große (und manchmal zickige) Agino.

Vor dem Reitplatz warten die Teilnehmer des Wettbewewerbs mit ihren Tieren in der prallen Sonne. Gut, dass die Turnierleitung Kleidungserleichterung ausgerufen hat; wenigstens die schwarzen Jacketts kann man sich sparen. Einige Reiterinnen tragen etwas, das wie eine kugelsichere Weste aussieht. Das soll helfen, Rippenbrüche zu vermeiden. Die meisten verzichten darauf, auch Hanna. Sie beobachtet die anderen Reiter, prägt sich den Parcour ein. Mutter und Schwester stehen bei ihr, streicheln die Ponystute Nisee und reden ihr gut zu. »Nun hört doch mal auf, das Pferd verrückt zu machen«, sagt Hanna unwirsch.

Dann ist es so weit. Hanna reitet in den Ring. Nisee trabt temperamentvoll herein, dreht ein paar Runden, bis Hanna die Ponystute punktgenau vor der Richtertribüne zum Stehen bringt. Gruß, Bahn frei. Nisee rammt die Hufe in den Sand und rast los. Aber die Hindernisse gefallen ihr nicht alle gleichermaßen. Sie zögert bei einem, verweigert ein anderes. Immer wieder nimmt Hanna Anlauf. Doch dann hat Nisee ein drittes Mal irgendwie keine Lust. Aus. Wenn das Tier drei Mal nicht gehorcht, ist die Prüfung vorbei. Keine Wertung.

Hanna ist wieder enttäuscht – und verschwitzt. Ihre vormals blütenweiße Bluse ist von grasgrünem Pony-Sabber verunziert. Mama geht ihr schnell nach in den Stall, um sie zu tröten. Hindurch zwischen all den großen Pferden, von denen man nie wirklich weiß, was ihnen durch den Kopf geht. Eine gute Wertung wäre schöner gewesen, aber Reiten ist mehr als ein verpatztes Turnier. »Ich steige wieder auf.«

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