Eine Resümee der Ethik-Woche an der Fachhochschule Südwestfalen in Meschede von Prof. Rüdiger Waldkirch
Wirtschaft und Ethik – eine Liebesheirat oder eine Zwangsehe? Was so manchem zunächst als Widerspruch erschien, konnte im Rahmen der Ethik-Woche voller Veranstaltungen rund um das Thema »Die Moral der Wirtschaft« weitgehend entkräftet werden. Die Mischung der Referenten stimmte: Hochkarätige Wissenschaftler, namhafte, lokale Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik traten mit den Teilnehmern in eine anregende Diskussion über das Spannungsfeld ein, das sich aus globalisiertem Wettbewerb und lokaler Verantwortung für die Region Südwestfalen ergibt.
Zur Eröffnung am Donnerstag konnten zahlreiche Vertreter der lokalen Wirtschaft ihr Verständnis von der gesellschaftlichen Verantwortung mittelständischer Unternehmen im Rahmen eines ganztägigen Workshops an der Wissenschaft spiegeln.
Der Freitag stand ganz im Zeichen der gesellschaftlichen Wahrnehmung der moralischen Qualität der Marktwirtschaft. Obwohl wir in und von der Marktwirtschaft leben, lehnt die Hälfte der deutschen Bevölkerung diese ab. In einer Ausstellung, die noch in der Fachhochschule besucht werden kann, zeigen die Studierenden, woran dies mitunter liegt: Sie schildern Fälle, die den moralischen Widerspruch der Menschen hervorrufen: unter anderem die Versenkung der Brent Spar, die Werbung von Tabakfirmen sowie die Tatsache, dass viele aidskranke Afrikaner sich die Medikamente nicht leisten können.
»Ethik verlangt nicht weniger Markt, sondern mehr Markt«
Der renommierte Ethiker und Ökonom Prof. Dr. Dr. Karl Homann von der Universität in München stellte in seinem Festvortrag fest, dass viele moralische Ideen in der vormodernen Gesellschaft entwickelt wurden, eine Gesellschaft, die durch Kleingruppen und Nullwachstum gekennzeichnet war. Da die moderne Gesellschaft aber auf Wettbewerbsprozesse zurückgreift und auf Wachstum zum Wohle aller programmiert ist, können viele dieser traditionellen Ideen heutzutage zu Handlungsblockaden führen. Pointiert drückte er dies in folgenden Worten aus: »Ethik verlangt nicht weniger Markt, sondern mehr Markt, einen besseren Markt«.
Die moralisch empörenden Zustände – auch in der Marktwirtschaft westlicher Prägung – sind vor allem durch Veränderungen der ihr zugrunde liegenden Rahmenordnung zu lösen. Marktzugangsbeschränkungen sind abzubauen und einzelne moralisch-motivierte Leistungen vor Ausbeutung durch Konkurrenten zu schützen. Nicht Teilen, sondern die Befähigung zur aktiven Teilnahme an der Gesellschaft könnte das Credo lauten: »Der heilige Martin würde heute nicht mehr seinen Mantel teilen, sondern eine Mantelfabrik bauen und dem Bettler Arbeit geben, so dass er sich den Mantel selbst kaufen kann.«
Merz fordert Stärkung einer »Aktienkultur«
Einen weiteren Höhepunkt stellte die Diskussion mit dem Bundestagsabgeordneten des lokalen Wahlkreises, Friedrich Merz, dar. Er griff das Thema auf und diagnostizierte eine »Sinn- und Akzeptanzkrise« der marktwirtschaftlichen Ordnung in der deutschen Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund sei es notwendig, das Verständnis der Sozialen Marktwirtschaft in der Gesellschaft wieder zu stärken. Die Soziale Marktwirtschaft, deren ethischer Gehalt nicht abgesprochen werden kann, sollte wieder als Freiheits-, Rechts- und Sozialordnung betrachtet werden. Er fordert in klaren Worten auch die Stärkung einer »Aktienkultur«, der Stärkung einer Kapitalbildung über den Markt in Deutschland und mahnte eine verstärkte öffentliche Debatte über die anstehenden gesellschaftlichen Reformprojekte an.
»Management by Vorbild«
In der Podiumsdiskussion, die der Chefredakteur von Radio Sauerland, Paul Senske, moderierte, wurde deutlich, dass es mittelständische Firmen gibt, die sich den Herausforderungen der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen stellen. Der Präsident der IHK-Arnsberg und geschäftsführender Gesellschafter von BJB, Dieter Henrici, betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Unternehmers. Im Mittelstand gelte vor allem, dass die Führungskraft durch ein »Management by Vorbild« führe und damit als gutes Beispiel vorangehen solle.
Gabriele Vogt, geschäftsführende Gesellschafterin der Conacord Voigt, Lippstadt, wies auf die Bedeutung von wechselseitiger Toleranz und Unterstützung sowie der Anerkennung individueller Leistungen eines jeden Mitarbeiters im Mittelstand hin.
Edward Kersting, Gesellschafter von Olsberg Hermann Everken in Olsberg hob hervor, dass das wertvollste Kapital die eigenen Mitarbeiter sind. Unter den Unternehmenslenkern bestand weitgehend Einigkeit, dass Mittelständler viel stärker von Tradition und Kontinuität geprägt sind als die großen Kapitalgesellschaften. Die Verantwortung der Unternehmenslenker bestehe auch darin, die Unternehmen, welche den einzelnen Generationen als Leihgabe anvertraut wurde, so zu führen, dass sie den nachfolgenden Generationen in gutem Zustand übergeben werden können. In diesem Zusammenhang hatte Walter Mennekes von Mennekes Elektrotechnik, Kirchhundem, in seinem Vortrag am Montag schon darauf hingewiesen, dass eine Übergabe allerdings auch von der Qualifikation und dem Engagement der Erben abhängig gemacht werden sollte.
Den Abschlussvortrag hielt Detlef Spigiel, Vorstand der Grohe AG, Hemer. Die Grohe AG ist bundesweit vor allem auch durch die von Franz Müntefering im Wahlkampf 2005 mit dem Ausdruck »Heuschrecken« befeuerte Debatte um die Beteiligung von ausländischen Privat Equity Firmen an deutschen Unternehmen bekannt geworden. Gegen dieses Zerrbild verwies Detlef Spigiel auf harte Unternehmensfakten, die belegen, dass die Private Equity Firmen bei Grohe eher als »Honigbienen« wirkten: So weisen Umsätze und Erträge stabile Wachstumsraten auf und die Mitarbeiterzufriedenheit ist gestiegen.
Während diese langfristigen Wirkungen der Übernahme erst dieses Jahr langsam von den Medien zur Kenntnis genommen werden, bleibt in der breiten Öffentlichkeit das Bild der eingefallenen Heuschrecken vorherrschend. Mit zahlreichen Politikern habe die Firma Grohe über die Entwicklung gesprochen und über das Wirken von Privat Equity Firmen den Austausch gesucht. Das Gesprächsangebot von Spigiel wurde bislang von Franz Müntefering jedoch nicht angenommen.
Forum zum Nachdenken und Diskutieren
Auch wenn die Moral der Wirtschaft ein Wiedergängerthema ist, kann angesichts der aktuellen Entwicklungen die Brisanz des Themas kaum in Abrede gestellt werden. Mit der Ethik-Woche hat die Fachhochschule Südwestfalen in Meschede ein breites Forum zum Nachdenken und Diskutieren über das Spannungsfeld Wirtschaft und Ethik geboten, das auch von Teilnehmern außerhalb der Region wahrgenommen wurde.
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