Meschede. »Das wäre doch was für dich«, hatte seine Enkelin zu ihm gesagt. Josef Ricke (80) hatte sich schon ein paar Wochen mit der Idee beschäftigt. Nun ist er einer von 23 »Vorlesepaten«, die in den Mescheder Kindergärten unterwegs sind.
»Ich bin in meinem Leben immer aktiv gewesen«, sagt Ricke. Nach dem Tod seiner Frau im vergangenen Jahr viel im zu Hause die Decke auf den Kopf. Aus der Zeitung hatte er von der Aktion der Mescheder Stadtbücherei gehört. »Meine Frau hätte gesagt, mach es«, meint er. Nun war es seine 20-jährige Enkelin, die ihm den entscheidenden Anstoß gab. Drei Kindergärten – St. Raphael und St. Walburga in Meschede und den städtischen Kindergarten in Grevenstein – besucht er nun regelmäßig, um den jüngsten etwas vorzulesen.
Vorlesen – das kann eigentlich jeder. Trotzdem besuchen alle Vorlesepaten zunächst eine zweitägige Schulung. Das Programm: Die Sprachentwicklung bei Kindern, Auswahl geeigneter Bilderbücher, der Gebrauch der eigenen Stimme und – ganz wichtig – Methoden, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu gewinnen und zu halten. Bezahlt wird das Seminar ebenso wie die Anschaffung geeigneter Bücher aus Landesmitteln. Jedenfalls war das in den vergangenen Jahren so.
»In diesem Jahr gibt es keine Landesmittel mehr«, sagt Gisela Fildhaut, Leiterin der Stadtbücherei Meschede. Aber es läuft ja auch so. Drei weitere Interessenten hat Fildhaut noch auf der Warteliste. Die Vorlesepaten arbeiten ehrenamtlich und offenbar nicht nur, weil sie viel Zeit haben. »Es sind nicht nur Rentner mit viel Zeit, sondern auch Mütter von drei Kindern, die sich die Zeit nehmen«, sagt Fildhaut. Das Alterspektrum reicht von 30 bis 80 Jahre.
Josef Ricke ist der älteste. Vor allem in Grevenstein ist er immer der Höhepunkt der Woche. Dort hat er auch ein kleines Wunder bewirkt: Ricke stellte sich bei den Kindern vor, dann nahmen sie alle ihre Plätze für die Lesestunde ein. Alle, bis auf den kleinen Jungen. Der blieb vor dem »Opa« stehen und blickte ihn mit großen Augen an – stumm. Die mehrfache Aufforderung der Kindergärtnerin, mit den anderen Kindern zu gehen, beachtete er nicht. »Du wolltest mir sicher erstmal deinen Namen sagen«, sprach Ricke den Kleinen an. Und der antwortete artig. Das waren die ersten Worte, die der Junge seit drei Wochen im Kindergarten überhaupt sprach.
Gelesen wird aus Bilderbüchern, immer wieder muss das Buch gedreht werden, damit die Kinder auch die Bilder sehen können. Das Vorlesen wird so manchmal ein bisschen anstrengend. »Da gibt es manchmal einen richtigen Kampf darum, wer umblättern darf«, sagt Ricke.
Über das Lesen und vor allem die Bilder sollen die Vorlesepaten mit den Kindern ins Gespräch kommen. Sie werden zu einer weiteren Bezugsperson. Möglichst alle Kinder sollen so erreicht werden, sagt Fildhaut, auch die aus Familien, in denen Bücher keine große Rolle spielen.
Die Nachfrage nach Kinder- und Jugendbüchern ist in der Stadtbücherei gestiegen. Die Vorlesepaten haben daran einen großen Anteil, so Fildhaut. Aber auch die anderen Angebote für Kindergärten wecken das Interesse am Lesen bei den Jüngsten. So stellt die Stadtbücherei auch so genannte Medienkisten mit Büchern zu verschiedenen Themen zur Verfügung. Im Frühjahr und Herbst ist außerdem das »Bilderbuch-Mobil« unterwegs, das die neuesten Kinderbücher in einer Multimedia-Präsentation vorstellt.
Josef Ricke hat sein Engagement nie bereut: »Es ist wirklich eine Freude.«
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