Meschede. »Ich wusste gar nicht, dass es in Meschede so interessante Leute gibt«, raunte eine Besucherin beim Seniorenkreis St. Walburga. Der hatte am Monatag zu einem Vortrag geladen über »Heiteres und Besinnliches aus dem Diplomatenleben«.
Der Vortragende ist Heinz Fett (77) und das Diplomatenleben, aus dem er erzählt, ist seines. Rio de Janeiro, Lissabon, Madrid, Mexiko, Den Haag, Bonn, London, Addis Abeba und Lima waren die Stationen dieses Lebens. Meschede gehört nun auch dazu.
In den 1950er Jahren warb das Auswärtige Amt den promovierten Wirtschaftswissenschaftler von der amerikanischen Botschaft in Bonn ab und wollte im die Leitung des Wirtschaftsdienstes an der deutschen Botschaft in Havanna anvertrauen. Daraus wurde aber nichts. Der deutsche Botschafter in Kuba, Karl Graf Spreti, wollte keinen jungen Diplomaten mit Familie mehr an seine Botschaft holen, denn in Kuba tobte die Revolution.
Mit einem Frachter machte sich Fett mit seiner ersten Frau und seinen beiden kleinen Kindern auf den Weg zu seinem neuen Einsatzort, Rio de Janeiro. Vierzehn Tage dauerte die Reise, genug Zeit, um von einem mitreisenden Jesuiten portugiesisch zu lernen. Die Sprache beherrscht er auch heute noch. Das kam Vikar Robbert und Pastor Götze in Meschede Jahrzehnte später sehr gelegen, den von Fett lernten sie, die Messe für die portugiesische Gemeinde zu halten.
Viel kann Fett erzählen, denn er hat viel erlebt. Große politische Daten sind dabei, wie der Beginn der Kapitalhilfeabkommen (»Waschkörbeweise haben wir Entwicklungshilfeanträge gesichtet und für Bonn vorsortiert.«), die Ehrendoktorwürde der Universität Coimbra für Bundeskanzler Kiesinger (»Die Universitätskapelle spielte falsch«) oder der Europäische Rat in Bremen 1978 (»Da habe ich auch das Logo für die Streichholzschachteln entwickelt«).
Auch viele kleine Abenteuer gehören dazu. Geburtshilfe in einer von Armut und jahrzehntelanger Inzucht gebeutelten deutschen Gemeinde im brasilianischen Urwald, zum Beispiel. »Die Dorfapotheke wurde von einer untergetauchten Nazi-Größe geführt,« erinnert sich Fett. Als man in dem elenden Dorf hörte, er sei Doktor, war es den Leuten gleichgültig, dass er kein Arzt war. »Es gab keine sauberes Wasser, keinen sauberen Lappen, aber eine Menge betender Frauen.«
Als Zwölfjähriger hatte Fett in der Hitlerjugend das Handwerk des Feldschers gelernt. Diesem Umstand verdankte ein Kind damals sein Leben.
Wie hat das Leben Fett ausgerechnet nach Meschede verschlagen? »Ja, Mensch, da fragen Sie mich was…« Es kam eben so. Diplomatenehen halten nicht lange, die Kinder gehen längst ihre eigenen Wege und für das Haus in Königswinter gab es beim Umzug der Hauptstadt von Bonn nach Berlin ein unwiderstehliches Angebot. Durch eine persönliche Bekanntschaft kam Fett nach Grevenstein. Er fand im Dorf und bei den Rotariern eine freundliche Aufnahme, geht gern zu den Veranstaltungen der Benediktiner und – natürlich – zur portugiesischen Gemeinde in Meschede.
Er genießt den Ruhestand, noch viel mehr genießt er den Blick zurück – und das Erzählen. Das Leben von Heinz Fett war ereignis- und erfahrungsreich. Viel zu viel kam darin vor, um alles in einer Dreiviertelstunde bei einem Seniorennachmittag zu erzählen. Nach Ostern wird es deshalb eine Fortsetzung geben.
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