Trauerst Du noch oder chattest Du schon?

Der Tamagotchi-Friedhof war gestern. Ein weiterer Lebensbereich wird virtualisiert und der allseits beliebte VHS-Kurs »Internet für Senioren« hat ein neues Surf-Ziel: Traueranzeigen.

Ab sofort muss man sich dank eines Gemeinschaftsunternehmens des Verlegers Dirk Ippen, der WAZ-Gruppe und der Verlagsgruppe Holtzbrinck nicht mehr auf zugigen Friedhöfen die Beine in den Bauch stehen, um einer ungeliebten sozialen Pflicht nachzukommen. Bei trauer.de erledigt man das online.

Gedacht sei es für die Community der Menschen, die einen Angehörigen verloren haben oder allgemein um Menschen trauern, so Ippen gegenüber W&V. Es sei eine »Weiterentwicklung der Todesanzeige«, an der die Verlage inzwischen seit eineinhalb Jahren arbeiteten. Man könne elektronisch kondolieren, Friedhöfe finden oder Trostworte austauschen. Wirtschaftlich sei trauer.de interessant, weil man beispielsweise Anzeigen von Blumengeschäften im Umfeld von Friedhöfen auflisten könne. Ippen: »Millionenumsätze kann man damit aber nicht machen.«
Presseportal

Warum denn nicht, ruft es da aus der »Community« der Menschen, die schon das Flirten und den Geschlechtsverkehr ins Internet verlegt haben, Güter des täglichen und nicht ganz alltäglichen Bedarfs aus Web-Katalogen ordern, sich per RSS-Feed über das Leben draußen auf dem Laufenden halten und ohne DSL-Verbindung in ein tiefes Loch fallen.

Mescheder Südfriedhof in Google-Earth

Der Mescheder Südfriedhof in Google-Earth: Auch die Grabpflege gelangt zu völlig neuen Dimensionen. [GP:061011] foto|Google Earth

Da geht mehr, meint Netzexperte Robert Basic: Kommentierbare Schnappschüsse der lieben Verblichenen, Amateurvideo-Mitschnitte der letzten Atemzüge, Werbung für Sterbegeld-Versicherungen und die unvermeidlichen Google-Anzeigen für alles, was auch irgendwie tot ist. Auch ein personalisierbarer Net-Alert für potentielle Erben müsste doch drin sein. Und damit es mit dem Erben auch klappt wäre natürlich ein Anwaltsuchdienst für Erbstreitigkeiten mehr als sinnvoll.

Sinnvoll wäre auch, für die nachhaltige Tröstung der Hinterbliebenen zu sorgen. In einem angeschlossenen Chat- und Kontaktanzeigenbereich (natürlich mit Basic- und Premium-Mitgliedschaft) könnte der Kreis des Lebens und Liebens von vorne beginnen – »Sportlicher Masseur tröstet Dich zu Hause«.

Immerhin, einen »Ratgeber»-Bereich hat trauer.de schon. Auch da ließe sich mehr machen: Bei dem Thema »Absicherung der Bestattungskosten« oder »Der Bestatter – Rund-um-Betreuung« wäre doch eine Online-Auktion mit entsprechenden Dienstleistungen naheliegend. Auch Muster-Trauerreden zum Herunterladen wären eine große Hilfe – mit Links zu versierten Redenschreibern für den gehobenen Bedarf. Und was sich unter dem Stichwort »Organspende« alles machen ließe, könnte bei Unternehmern mit liberaler Rechtsauffassung durchaus feuchte Hände hervorrufen.

UPDATE 18. Oktober

Die Realität ist besser als jede Glosse: Gerade ist hier jemand per AOL Suche und Google gelandet. Die Suchworte: »muster trauerreden«

Ich finde das immer toller, ich mache mit:

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