Bilder aus dem Sternenstädtchen

Meschede. »Diese Bilder werden Sie im deutschen Fernsehen nicht zu Gesicht bekommen.« Mit der Videokamera war Alexander Tolstich im »Sternenstädtchen« unterwegs. Das Ausbildungszentrum für Kosmonauten bei Moskau war früher streng geheim. Neugierige Besucher sind dort auch heute noch eine Ausnahme.

Mit einem Besuch von Wassilij Zibliyew und des deutschen Astronauten Ulf Merbold in Hemer fing es an. Zibliyew ist Leiter des Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrums in Swjosdny Gorodok (zu deutsch: Sternenstädtchen) und war auch als Kommandant in der Raumstation Mir. Alexander Tolstichs Familie kommt aus Kasachstan. Geschäftliche und familiäre Beziehungen ließen eine Freundschaft mit Zibliyew entstehen. So kam es, dass der damals 22-jährige Alexander 2002 eine exklusive Einladung für das Trainingszentrum bekam, in dem nun auch Amerikaner für Einsätze im Weltraum trainieren.

Wassilij Zibliyew und Alexander Tolstich

Erinnerungsfoto: Alexander Tolstich mit Wassilij Zibliyew (links). foto|Tolstich

Die Amerikaner seien sehr schlecht im Lernen, habe Zibliyew bei dem Rundgang gesagt. Er war dabei als Alexander mit seiner Videokamera den Prototyp der Mir besichtigte, Kosmonauten beim Training unter Wasser filmte und einen Blick auf Projekte erhaschte, die eigentlich gar nicht fotografiert werden durften. Alexander ist stolz auf die sowjetisch-russischen Raumfahrt: »Die Sojus-Kapsel ist immer noch führend in der Raumfahrt, weil die Amerikaner mit ihren Shuttles nicht nachkommen.«

Dabei ist Alexander, wie er selbst sagt, in Sachen Technik gar nicht so bewandert. Mittlerweile ist er 26 und studiert Wirtschaft an der Fachhochschule in Meschede. Seine Eltern kamen 1992 nach Deutschland. Sie wollten ihren Kindern eine Zukunft ermöglichen, die sie wegen des wachsenden Nationalismus in Kasachstan nicht mehr sahen.

Seine Zukunft sieht Alexander inzwischen aber wieder dort. Nicht unbedingt Kasachstan, aber Russland ist sein Ziel. »Russland entwickelt sich. Mit einer guten Ausbildung bekommt man auch einen guten Job und kann sich immer weiter steigern. In Deutschland wird das immer schwieriger.« Das Leben sei dort vielleicht weniger bequem und um einiges riskanter. Dem wirtschaftlichen Erfolg sei dort aber kaum eine Grenze gesetzt, und solange er jung sei, ziehe er Risiko und Abenteuer vor.

Sein Vater sage immer: »Du bist wie Lenin – hätte er in Russland gelebt, statt in Deutschland, hätte er sich keine romantischen Erinnerungen daran bewahrt und wäre kein Revolutionär geworden.« Die russische Lebensart haben sich seine Eltern in Deutschland erhalten und Alexander findet sie in vielem angenehmer als die deutsche. Die jungen Leute seien dort anders, seien kulturell interessiert und unternehmungslustig. Während deutsche Studenten für einen neuen Fernseher sparen, entschließen sich Russen nach einem Blick auf das knappe Bargeld eher für eine Wochenendreise nach Paris, sagt Alexander. Mehr Aufgeschlossenheit, mehr Hilfsbereitschaft, mehr Gemeinsinn, weniger Vereinzelung als in Deutschland – das macht Russland für ihn attraktiv.

Nur die Romantik macht es aber nicht. Wassilij Zibliyew habe sich darüber amüsiert, dass die meisten Menschen beim Anblick einer Sternschnuppe an etwas Besonderes glauben und sich etwas wünschen. Dabei könnte es sich bei dem leuchtenden Schweif am nächtlichen Himmel auch um Abfall aus der Bordtoilette einer Raumstation handeln.

Russische Raumfahrt – Filmbericht aus dem »Sternenstädtchen« von Alexander Tolstich, 2. Mai 2006, Gemeinsames Kirchenzentrum, Meschede, 19.30 Uhr.

Gedruckt:
Westfälische Rundschau
Lokalteil Meschede

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