Völlig erschöpft, mit Tunnelblick

Bödefeld/Schmallenberg. Er könnte der neue deutsche Meister im Extremwandern sein: Gerd Maschner (35) aus Wuppertal schaffte die 101-Kilometer-Strecke beim Bödefelder Hollenmarsch in 16 Stunden. Den Rekord des Vorjahres hat er damit um drei Stunden unterboten.

Ostern 42 Kilometer gelaufen, am Wochenende ging Helene Düperthal auf die Extremstrecke.Bei seiner Ankunft um 10 Uhr am Samstagmorgen war er für zehn Minuten nicht ansprechbar: völlige Erschöpfung, Tunnelblick.

Aber es geht ja nicht um die Geschwindigkeit. Dabeisein zählt – und Ankommen. Von 44 Extremwanderern, die sich am Freitagabend in Bödefeld auf den langen Marsch durch Nacht, Nebel und Kälte machten, mussten 16 vor dem Ziel aufgeben. Die letzten drei kamen nach mehr als 27 Stunden am Samstagabend wieder in Bödefeld an.

Familienfrei: Helene Düperthal war alleine unterwegs

Die Extremstrecke von 101 Kilometern ist in Deutschland einmalig. Deswegen kamen einige Teilnehmer auch von weit her: Günther Rott (41) etwa kam aus München. Flemming Nielssen, der wenige Minuten nach Maschner durchs Ziel ging, war sogar aus Dänemark angereist. Die meisten Starter aber kamen aus Nordrhein-Westfalen.

»Teilweise kam ich mir unterversichert vor«, berichtet Gerd Maschner. Der ständige Regen hatte viele Wege in Schlammpisten verwandelt. Rund um den Rhein-Weser-Turm war der Sauerland-Höhenweg durch Baumrückearbeiten und Dauerregen unpassierbar geworden.

Ulrich Brüggemann vom Organisationsteam war die ganze Nacht hindurch damit beschäftigt neue, trockenere Wege auszuschildern. »Am Tag ist das kein Problem«, sagt er, »aber in der Nacht sieht man da oben die Hand vor Augen nicht, geschweige denn Waldwege.«

Deswegen hatten sich alle Extremwanderer mit Stirnlampen ausgerüstet. Reinhard Häcker aus Sprockhövel, mit 69 Jahren der älteste Teilnehmer, hat sich seine Lampe in der Woche zuvor noch schnell bei einem bekannten Kaffee-Röster besorgt: »Die waren da gerade im Angebot«, berichtet er sichtlich erschöpft beim Abstempeln seiner Kontrollkarte am Ziel.

Die Stirnlampe von Helene Düperthal (46) aus Lennestadt hat irgendwann den Geist aufgegeben. Die Mutter von sieben Kindern marschierte dennoch weiter – allein. »Das ist die beste Gelegenheit, mal familienfrei zu bekommen«, meinte sie fröhlich. Training? Nein, das hatte sie eigentlich nicht absolviert. Am Ostersonntag ist sie 42 Kilometer gewandert, aber mehr nicht.

Die meisten Extremwanderer fanden sich unterwegs zu kleinen Gruppen zusammen. Das und die Mitnahme von Mobiltelefonen hatten die Veranstalter auch ausdrücklich empfohlen. An Service-Stationen wurden die Nachtwanderer unterwegs auf Vollzähligkeit und Gesundheitszustand kontrolliert. Heiße Suppe und Brote standen bereit, das Rote Kreuz kümmerte sich um Blasen, und drei Physiotherapeuten waren die ganze Nacht im Einsatz, um muskuläre Verhärtungen, Sehnenansatzreizungen und Blasen zu behandeln.

Viele Wanderer waren in Turnschuhen unterwegs. Die sind nicht wasserdicht. Die Haut weicht durch, Blasen bilden sich, das Gehen wird zur Qual. Dunkelheit, Nebel und Kälte tun ihr Übriges. »Je müder und unkonzentrierter man wird, desto schwieriger wird es, den Weg zu finden«, sagt Gerd Maschner. »Durch den Matsch war es teilweise wie Laufen auf Schnee – zwei Schritte vor und einer zurück«, meint er. Auf Wanderstöcke wollte er aber dennoch verzichten. »Frühere Generationen sind auch ohne diese Produkte der Sportartikelindustrie gelaufen.«

Über 2 220 Höhenmeter ging es auf der Strecke bergauf und bergab. Für lange Pausen nahm sich aber kaum jemand Zeit. Keine Chance für ein Interview im nächtlichen Nebelwald: »Ich muss weiter«, hieß es immer wieder.

Auch Maschner will im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder dabei sein. Mit seinem privaten Wanderklub »Wupper-Ruhr« bleibt er das ganze Jahr über im Training. Zu Wander-Events im Ausland will er aber nicht. »Ich bleibe in NRW«, sagte er, »wo sonst hat man so viel unterschiedliches Terrains? – Mittelgebirge im Sauerland, Flachland am Niederrhein, sanfte Hügel in der Soester Börde.«


Fabelwesen gaben Hollenmarsch den Namen

Schmallenberg. Seinen Namen hat der Bödefelder Hollenmarsch von Fabelwesen, die einst in der Gegend um Bödefeld hausten und über große Schätze verfügten.

Die Idee für die zwei Wandertage im Sauerland haben die Initiatioren Ralf Brune und Hans-Gerd Pieper von der holländischen Wander-Großveranstaltung »Vierdaagse« in Nijmegen.

Im letzten Jahr gingen dort rund 50 000 Wanderer an den Start, bei der Schlussveranstaltung wurden eine Million Zuschauer gezählt.

»Warum nicht auch bei uns«, dachten sich Brune und Pieper und gingen an die Arbeit – in diesem Jahr nun schon zum zweiten Mal.

An zwei Tagen kann man jeweils Strecken zwischen 15 und 45 Kilometer wandern. Ziel der Veranstalter ist es, mit dem Hollenmarsch irgendwann in die »International Marchin League« aufgenommen zu werden, zu der Wanderveranstaltungen in der ganzen Welt gehören.

Gedruckt:
Westfälische Rundschau
Mantel

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